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Sozialistische Tageszeitung • Samstag, 16. Mai 2009
Zur Seele: Erkundung mit Schmidbauer
Sozialistische Tageszeitung • Samstag, 16. Mai 2009
Zur Seele: Erkundung mit Schmidbauer
Dr. Wolfgang Schmidbauer arbeitet als Psychoanalytiker und Autor in München
Die jungen Menschen rauchen weniger und saufen mehr. So lässt sich der jährliche Bericht der Drogenbeauftragten unserer Regierung zusammenfassen. Mehr als 23 000 Kinder und Jugendliche wurden im Jahr 2007 mit einer Alkoholvergiftung in Kliniken eingeliefert, das sind 143 Prozent mehr als im Jahr 2000, als diese Zahl erstmals erfasst wurde. Jeder fünfte der 2008 befragten deutschen Jugendlichen hatte im letzten Monat an einem Koma-Saufen (Binge-Drinking) teilgenommen, definiert als der Konsum von fünf alkoholischen Getränken hintereinander. Deutsche sind nüchterner als dänische Jugendliche (dort hat jeder zweite 16-Jährige einmal im Monat das Kriterium der fünf Gläser Wein, Bier oder Schnaps erfüllt). Aber auch in der islamischen Türkei halten sich 15 Prozent der Jugendlichen nicht an die Gebote des Propheten und betrinken sich einmal im Monat.
Vielleicht die auffälligste Veränderung ist die wachsende Zahl der Mädchen, die an diesem zweifelhaften Ritual teilnehmen. »In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal mehr Mädchen mit Alkoholvergiftung aufgenommen«, sagte mir 2007 der Chefarzt einer niederbayerischen Klinik.Auf der anderen Seite zünden sich nur noch 15 Prozent der Jugendlichen regelmäßig eine Zigarette an. 2001 waren es noch 28 Prozent, wobei 2008 zum ersten Mal etwas weniger Jungen (14,7) als Mädchen (16,2) rauchten.
Alkohol und Zigaretten verbindet, dass beide die Gesundheit schädigen. Auffällig ist, dass die Gesellschaft sehr unterschiedlich mit den Genussdrogen umgeht. Während die Tabakreklame stark eingeschränkt wurde, ist die Werbung für alkoholische Getränke nach wie vor erlaubt. In Bus und Bahn, Behörde und Restaurant darf nicht mehr geraucht werden – Alkohol ist überall erlaubt. Einige dieser Unterschiede erklärt der Schutz der Passivraucher, andere nicht.
Wenn wir die jungen Menschen fragen, warum sie sich betrinken, hören wir oft, dass es alle tun, dass es dazu gehört, dass es Spaß macht. Wenn die Antworten etwas hinter die soziale Fassade blicken lassen, hören wir auch, dass ein Fest gar nicht auszuhalten ist ohne Alkohol – man sitzt gehemmt herum, fragt sich, was der ganze Lärm soll und warum die anderen über jeden Unsinn lachen, den kein denkender Mensch komisch finden kann.
Wer mit nassen Alkoholikern spricht, wird immer wieder hören, dass sie ganz bestimmt keine Alkoholiker sind, weil sie noch keinen Tag in der Arbeit gefehlt haben. Sie sind zwar jedes zweite Wochenende sturzbetrunken, haben das eine oder andere Lokalverbot, den einen oder anderen Filmriss, vielleicht auch keinen Führerschein mehr. Aber sie arbeiten so gut wie jeder andere! Als Alkoholiker können sie sich immer noch sehen, wenn sie wegen ihres Trinkens ihren Job verloren haben. Aber davon ist nicht die Rede, das kriegen sie ganz cool hin!
Wer mit trockenen Alkoholikern spricht, erfährt schnell, wie kläglich sie jetzt diese Ausrede finden. Und wie sie sich mit dem härtesten Problem herumschlagen, das auf den Drogenabhängigen wartet, wenn er clean geworden ist: Wie soll er Entspannung, Freizeit, Genuss ohne Betäubung finden?
Viele Eltern und Erzieher glauben, sie könnten die Gefahr, die ihren Schützlingen durch Drogen droht, durch Verbote und Verteufelung bannen. Die Fachleute wissen, dass diese Strategie nicht nur aussichtslos ist, sondern oft die bekämpfte Gefahr geradezu heraufbeschwört. Viel wirksamer schützt vor den Gefahren der Drogen eine Hochschätzung von Genuss, vor allem der Funktionslust des gesunden Organismus. Genuss ist universell; wer kleine Kinder beobachtet, findet zahllose Quellen von Lust, die sie aus der reinen Funktion ihres Körpers beziehen. Dieser gesunde, normale Genuss wird von allen unverdorbenen Menschen gesucht und ausgekostet; es zeichnet ihn aus, dass er eine Gestalt hat, ein Bild seines Anfangs, einen Prozess, und eine Ruhephase nach dem Abschluss der Gestalt, in der dann neue Phantasien möglicher Genüsse entstehen.
Sucht entsteht, wenn diese Grenze, das Ende des Genusses als Bedrohung für das Selbstgefühl erlebt wird. Genuss wird gefördert, wenn die Kultur dem Individuum vermittelt, dass Lust erlaubt ist. Der schlimmste Feind von Genuss und Lust ist die Angst. Wenn Drogen unbeliebt werden, die wenig betäuben (wie die Zigarette), und Betäubungsmittel beliebter, dann spricht das für wachsende Ängste unter den Konsumenten. Wenn Alkoholiker sich das Leben schön trinken, heißt das vor allem: Sie trinken es sich einfach. Es ist ihnen, nüchtern betrachtet, zu kompliziert, es weckt zu viele Ängste, birgt zu viele Gefahren, sich zu blamieren, etwas nicht zu schaffen, nicht liebesfähig, nicht liebenswert zu sein. Die Arbeit mit ihren überschaubaren Forderungen lenkt von diesem Elend ab; in der Freizeit wird es überwältigend. Antialkoholpropaganda hilft kaum gegen das Komasaufen – wohl aber ein Freizeitangebot, das die Funktionslust eines gesunden Geistes und die Schwingungsfähigkeit eines differenzierten Gefühlslebens weckt. Kultusminister, die den Leistungsdruck in den Schulen steigern, die musischen Fächer kürzen und dann den Drogenbeauftragen der Schule einen Vortrag in der Aula halten lassen, sind auf dem falschen Weg.
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